Code versus Corona – Lösungen für den Maschinenbau aus dem #WirVsVirus Hackathon der Bundesregierung

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Große Herausforderungen brauchen großen Einsatz – diesem Motto sind 28.000 Freiwillige gefolgt, die beim ersten virtuellen Hackathon unter der Schirmherrschaft der Bundesregierung in 48 Stunden 1.500 Lösungen für die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen von Covid-19 entwickelt haben. Entstanden sind dabei auch Lösungen, die an den aktuellen Herausforderungen des Maschinen- und Anlagenbaus ansetzen. Nun ist unser Einsatz als Industrie bei der Weiterentwicklung gefragt!

Wenn Corona die Welt in Atem hält, braucht es schnelle und pragmatische Lösungen für die vielfältigen Herausforderungen, die sich Gesellschaft und Wirtschaft stellen. Hackathons bilden hierfür ein ideales Instrument: Sie setzen auf die kollektive Intelligenz von Freiwilligen und erzielen in kürzester Zeit kreative und unkonventionelle Problemlösungsansätze, die sich einfach und schnell umsetzen lassen.

Hacken gegen Corona – und das gemeinsam als Gesellschaft

In diesem Zeichen stand auch der #WirVsVirus-Hackathon, den die Bundesregierung in Zusammenarbeit mit sieben zivilgesellschaftlichen Organisationen vom 20. bis 22. März veranstaltet hat. Hier kamen 28.000 Freiwillige zusammen, um gemeinsam als Gesellschaft die Herausforderungen der Corona-Krise mit neuen Lösungsansätzen zu meistern. Von Herausforderungen rund um die Gesundheitsversorgung, die Alltagsbewältigung in der Corona-Pandemie und das staatliche Krisenmanagement bis zu den alltäglichen Herausforderungen kleiner und mittlerer Unternehmen in der Krise: Über zwei Tage hinweg arbeiteten virtuelle Teams, bestehend aus sozial engagierten Bürgern, Designern, Softwareentwicklern und Digitalstrategen, daran, für 800 ausgewählte Probleme gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Natur funktionierende Prototypen zur kostenfreien Nutzung für die Gesellschaft zu erstellen. 

Aus 1.500 Einreichungen wurden die 20 überzeugendsten Lösungen ausgezeichnet. Drei Konzepte der Top-20 sind dabei besonders relevant für den Maschinen- und Anlagenbau. Welche Problemstellungen angegangen wurden, wie Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau davon profitieren und welche Entwicklungsschritte die Projekte nach dem Hackathon durchlaufen sind, haben die Teams im Interview mit VDMA Startup-Machine verraten.

Liquidität ist Trumpf – #liquidebleiben

Bei allen Herausforderungen, die die Covid-19-Pandemie für den Maschinen- und Anlagenbau bedeutet, gehören Liquiditätsengpässe wohl zu den kritischsten Einflussfaktoren auf das Fortbestehen von Unternehmen. Die Pro-Bono-Lösung #liquidebleiben (wir-bleiben-liqui.de) unterstützt kleine und mittlere Unternehmen bei ihrer Liquiditätssicherung, indem sie ihnen übersichtlich und bedürfnisgerecht Informationen zu passenden Finanzierungsinstrumenten bereitstellt.

Entstanden ist die Idee dazu in einem Gemeinschaftsprojekt aus einem 30-köpfigen interdisziplinären Team bestehend aus u. a. Juristen, Betriebs- und Volkswirten, Bänkern, Beratern, Web- und Backendentwicklern, Physikern und Mathematikern. Das dabei auch ein kundenzentriertes Produkt umgesetzt wurde, das hat Teammitglied und Agile Coach Bea Kusnitzoff sichergestellt. Im Ergebnis ist eine strukturierte datenbankbasierte Übersicht über alle bundesweit bestehenden Finanzierungsinstrumente entstanden. Wir-bleiben-liqui.de präsentiert KMUs nach sieben bis zehn Fragen die für sie passenden Finanzierungsinstrumente (Fördermittel, Kredite, Bürgschaften, Steuerstundungen und Kurzarbeit) und geleitet kostenfrei durch den Prozess der Beantragung.

Der Mehrwert des Service liegt auf der Hand: „Unsere Lösung ist einfach zu bedienen und zeigt auf intuitive und pragmatische Weise, welche Förderprogramme für Unternehmer in Frage kommen. Zusätzlich bekommen sie eine Vorstellung davon, welche Programme kurzfristig Liquidität sichern oder längerfristig wirken“ erklärt Dr. Alexander Engels, der sich als Managing Director und Co-Founder eines Aachener KI-Startups selbst im Unternehmen mit Fragen der Liquiditätssicherung in der Krise beschäftigt. Das Tool sei dabei selbst für größere Unternehmen relevant, die bereits fundierte Kenntnisse zu Maßnahmen der Liquiditätssicherung besitzen. Denn: „In solch einer hochdynamischen Situation, wie wir sie derzeit erleben, sind selbst Profis auf eine verlässliche und aktuelle Informationsversorgung angewiesen“, so Engels.

"In solch einer hochdynamischen Situation, wie wir sie derzeit erleben, sind selbst Profis auf eine verlässliche und aktuelle Informationsversorgung angewiesen."

Bereits während des Hackathons stand für das Team fest, dass hier etwas entwickelt wurde, das unbedingt fortgeführt werden muss. Dafür wurden Partnerschaften angebahnt, wie Kusnitzoff erläutert: „Wir haben bereits während des Hackathons entschieden, dass die Steuerexperten von Taxy.io unsere Anwendung übernehmen und weiterführen werden, auch Intland Software unterstützt uns mit Software-Lizenzen.“

Seit der Prämierung von wir-bleiben-liqui.de als eine der Top-20-Lösungen des Hackathons hat das Projekt noch weiter an Fahrt gewonnen. Als ausgezeichnetes Projekt nimmt #liquidebleiben am Solution Enabler Programm teil. Bei diesem sechsmonatigen Programm erhalten die Teams zusätzliche Ressourcen und Kapazitäten, die sicherstellen sollen, dass die Lösungen schnell getestet und breitflächig umgesetzt werden können. Darüber hinaus setzt das Team auch auf breite Unterstützung aus der Gesellschaft, so Kusnitzoff: „Unterstützen kann man uns, indem man unsere Website weiterleitet, uns teilt und auf uns aufmerksam macht – nur so können wir möglichst viele Betroffene erreichen und ihnen helfen.“

UDO – der kurze Weg zur Kurzarbeit für Kleinunternehmen

Einstellungsstopp, Kurzarbeit oder gar Personalabbau? Durch Covid-19 haben viele Branchen mit Arbeitsausfall zu kämpfen. Um dem temporär geringeren Personalbedarf Rechnung zu tragen, gibt es eine Vielzahl von Instrumenten. Kurzarbeit ist dabei ein beliebtes Instrument, stellt es doch sicher, dass Fachkräfte langfristig gehalten werden können. Besonders attraktiv dabei: Sind die arbeitsrechtlichen Voraussetzung für Kurzarbeit gegeben, kann das Kurzarbeitergeld der Bundesagentur für Arbeit in Anspruch genommen werden. 

Der Weg zur Beantragung des Kurzarbeitergeldes ist in der Praxis aber häufig ein komplizierter Prozess, der insbesondere Kleinunternehmen vor Herausforderungen stellt. Für das Team UDO war das Anlass, sich im #WirVsVirus-Hackathon den Prozess näher anzuschauen und eine Digitalisierungslösung zu entwickeln, die die Einstiegshürden bei der Beantragung von Kurzarbeitergeld senkt. „Lasst uns doch ein trockenes Thema sexy machen" –  dieser Vision folgend hat das Projektteam bestehend aus sechs IT-Spezialisten einen Chatbot entwickelt, der den Nutzer durch den Beantragungsprozess leitet.

"Lasst uns doch ein trockenes Thema sexy machen"

Warum gerade ein Chatbot? „Wir möchten die Betroffenen also Unternehmer in einer wirtschaftlichen Notlage, dort abholen, wo sie stehen. Wir möchten ihnen klar und verständlich vermitteln, wie sie und ihre Mitarbeiter vom Kurzarbeitergeld profitieren können und sie dann bei der Beantragung unterstützen“ resümiert Dr. Bastian Ulke aus dem UDO-Team. „Dazu führt UDO, unser Chat-Roboter, ein lockeres Gespräch mit ihnen und bietet ihnen am Ende ein ausgefülltes Formular zum Download und Versand an die Arbeitsagentur an.“

Der Chatbot UDO (https://kurzarbeit-einfach.de/) wurde in 48 Stunden als voll funktionsfähiger Prototyp entwickelt – möglich wurde das durch ein hochmotiviertes Team, das im Hackathon zusammengefunden und seine Ideen und Fähigkeiten zusammengeführt hat. Ulke selbst besitzt langjährige Erfahrung in der Softwareentwickung. Als „IT'ler aus Leidenschaft“ war er davon begeistert, sein Know-How im #WirVsVirus-Hackathon für einen guten Zweck einsetzen zu können. Für Ulke und das Team war es daher auch selbstverständlich, dass sie ihren Code als OpenSource bereitstellen, damit andere Entwickler darauf aufbauen können, um weitere komplexe bürokratische Prozesse durch Digitalisierung zu vereinfachen.

Seit dem Hackathon arbeitet das Team auf Hochtouren daran, UDO weiterzuentwickeln: Täglich werden Maßnahmen unternommen, um Inhalte, Technik und Benutzererfahrung zu verbessern. Daher ist das Entwicklerteam offen für Nutzerfeedback und freut sich über Anregungen, Verbesserungsvorschläge und Erfolgsgeschichten aus dem Maschinen- und Anlagenbau. Wichtig ist es dem Team auch, den Chatbot weiter bekannt zu machen. Schließlich gäbe es in Zeiten der Corona-Pandemie mit dem Kurzarbeitergeld „eine tolle Möglichkeit, Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu entlasten“, so Ulke, „und UDO kann auf dem Weg dahin helfen.“

 

OpenLogictics –  eine Plattform für effiziente Transportketten

Rund die Hälfte der betroffenen Betriebe im Maschinenbau leidet unter „gravierenden“ oder „merklichen“ Störungen entlang der Lieferketten, so das Ergebnis einer Befragung von VDMA-Mitgliedsunternehmen aus dem März 2020. Hilfestellungen zur Aufrechterhaltung von Lieferketten sind daher äußert willkommen. Für logistische Probleme der Corona-Pandemie gibt es nun eine Lösung, die im Rahmen des #WirVsVirus-Hackathons entwickelt wurde. 

Das Problem ist bekannt: Immer mehr Betriebe haben geschlossen, sodass Spediteure ihre Waren nicht zustellen können. Sendungen müssen zwischengelagert und neu zugestellt werden. Durch krankheitsbedingte Ausfälle und Kurzarbeit verstärkt sich das Problem. In der Folge verstopfen Lieferketten und Sendungen können nicht zeitgerecht zugestellt werden – dies bedeutet eine Herausforderung beim Versand systemrelevanter Lieferungen (z. B. Lebensmittel, medizinische Ausrüstung), ist aber auch ein grundlegendes Problem für alle Branchen und Unternehmen, die Ware versenden und empfangen.

Eine Lösung verspricht die freie Transport- und Logistik-Plattform OpenLogistics.net: Sie soll die Effizienz von Lieferketten wiederherstellen, indem sie den zentralen Austausch von Daten zur aktuellen Leistungsfähigkeit der Warenannahme und zu potenziellen Einschränkungen ermöglicht. Entwickelt wurde die Lösung beim #WirVsVirus-Hackathon von einem Team des IT-Unternehmens Eikona. Die Teilnahme am Hackathon der Bundesregierung war für Eikona Ehrensache: „Als wir erfahren haben, dass der #WirVsVirus Online-Hackathon für eine gute Sache steht, mussten wir nicht lange überlegen. Wir haben uns sofort angemeldet“, berichtet Bastian Späth, Vorstandsvorsitzender von Eikona, der beim Hackathon das Backend der OpenLogistics-Plattform entwickelt hat. „Auf diese Weise können wir mit unseren Mitteln (Software) und mit unserem Branchen-Know-how unseren Beitrag in dieser Krise leisten.“ 

„Als wir erfahren haben, dass der #WirVsVirus Online-Hackathon für eine gute Sache steht, mussten wir nicht lange überlegen. Auf diese Weise können wir mit unseren Mitteln und mit unserem Branchen-Know-how unseren Beitrag in dieser Krise leisten.“

Mit OpenLogitics.net haben sie eine branchenübergreifende Plattform geschaffen, die es Unternehmen und Transportdienstleistern ermöglichen soll, Informationen abzufragen und einzutragen. Das Erfolgsrezept liegt in der Einfachheit der Plattform: Ohne Einstiegshürden wie eine Anmeldung oder Verifizierung lassen sich in wenigen Klicks Informationen hinterlegen. Das Nutzerfeedback (Up- und Downvoting von Adressen) stellt sicher, dass keine Manipulationen erfolgen. Der Abruf der Informationen kann über verschiedene Wege geschehen. „So haben sich schon etliche Firmen an unsere API angebunden, um die Daten automatisch in ihren Prozess einzubinden“, so Späth. 

Die Vision hinter dem Projekt ist es, ein gemeinnütziges „Google-Places“ für Warenannahmen zu schaffen. Damit dies erfüllt werden kann, benötigt es vor allem noch eins: Daten – denn mit einem wachsenden Datensatz erhöht sich auch unmittelbar der Nutzen für alle Teilnehmer. Das OpenLogistics-Team freut sich daher über Mund-zu-Mund-Propaganda, um noch mehr Nutzer zu erreichen, die Informationen zu Verfügbarkeiten und Einschränkungen von Warenannahmen in die Plattform einpflegen und die hinterlegen Daten prüfen. Dazu kann ein jeder einen Beitrag leisten – ganz im Sinne von #WirVsVirus.

 

Wie der Maschinen- und Anlagenbau helfen kann

Neben diesen drei Projekten warten derzeit noch viele weitere vielversprechende Lösungen darauf, weiterentwickelt und breitflächig umgesetzt zu werden – einige davon setzen an Problemfeldern des Maschinen- und Anlagenbaus an. VDMA Startup-Machine unterstützt daher das Solution Enabler Programm des #WirVsVirus-Hackathons unter der Schirmherrschaft von Dr. Helge Braun, Chef des Bundeskanzleramts. In diesem Programm werden 130 ausgewählte Projekte aus dem Hackathon mit Ressourcen unterstützt, um eine schnellstmögliche und wirkungsvolle Umsetzung der Lösungen zu erzielen.

Dass VDMA Startup-Machine hilft, Zukunft zu produzieren, ist für Hartmut Rauen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des VDMA, selbstverständlich: „Hackathons sind Innovationstreiber – davon sind wir bei VDMA Startup-Machine bereits seit langem überzeugt. In den Lösungen des #WirVsVirus-Hackathons der Bundesregierung liegt ein immenses Potenzial für unsere Gesellschaft und Industrie. Als Verband des Maschinen- und Anlagenbaus wollen in unserer Multiplikatorenfunktion dabei unterstützen, dieses Potenzial zu entfalten.“

 

"In den Lösungen des #WirVsVirus-Hackathons der Bundesregierung liegt ein immenses Potenzial für unsere Gesellschaft und Industrie. Als Verband des Maschinen- und Anlagenbaus wollen in unserer Multiplikatorenfunktion dabei unterstützen, dieses Potenzial zu entfalten.“

VDMA Startup-Machine wird im Rahmen des Solution Enabler Programms gemeinnützige Lösungen mit Relevanz für den Maschinen- und Anlagenbau fördern. Dafür erhalten die Teams Sichtbarkeit und Netzwerkzugang in den Maschinen- und Anlagenbau. VDMA-Mitglieder sind explizit eingeladen mitzuwirken: Kommen Sie gerne auf uns zu, wenn Sie relevante Lösungen mit unternehmenseigenen Ressourcen bei der Pilotierung und Weiterentwicklung unterstützen möchten!