Im Inland (fast) nichts Neues

@ Siemens Energy

Die globale Nachfrage nach fossil betriebenen Großkraftwerken war auch 2016 in weiten Teilen der Welt rückläufig. Immerhin sind in einigen Industrieländern Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerke, die als Brückentechnologie beim Übergang in die postfossile Ära gelten, weiterhin gefragt.

Besonders Nordamerika verlor an Dynamik und Westeuropa weiter an Bedeutung – was speziell für die Hersteller von Kohlekraftwerken zunehmend zum Problem wird. Generell verschiebt sich die Nachfrage jedoch immer mehr in Richtung Schwellenländer, wo sich die Premiumanbieter mit technologisch weniger qualifizierten Anlagenbauern messen müssen. Wichtige Abnehmer sind neben China und Indien vor allem Indonesien, die Philippinen, die Türkei, Südafrika und der Mittlere Osten. Insgesamt lagen die Auftragseingänge der in der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) organisierten Kraftwerksbauer 2016 bei 8,1 Mrd. €, das sind 5 % weniger als 2015 (8,4 Mrd. €). Davon entfielen 7,1 Mrd. € auf das Auslandsgeschäft und 1,0 Mrd. € auf inländische Bestellungen.

Hoher Wettbewerbs- und Preisdruck kennzeichnen das Umfeld im Kraftwerksbau. Insbesondere Anbieter aus China und Südkorea haben ihre Marktstellung ausgebaut und wickeln erste Projekte in Europa ab. Die Kraftwerksbauer in der AGAB haben bereits mit strikten Programmen zur Kostensenkung darauf reagiert. Sie greifen ferner die Chancen von Industrie 4.0 aktiv auf und setzen bei der Digitalisierung von Arbeits- und Fertigungsabläufen Akzente.

Schließlich investiert die Branche bei den Themen Umweltschutz, Verfügbarkeit, Effizienz und Betriebskosten in den Ausbau ihrer technologischen Führungsrolle. Diese Bemühungen haben bereits zu erheblichen Verbesserungen geführt und weitere technologische Durchbrüche sind in Sicht. So wird bei Kohlekraftwerken ein Wirkungsgrad von 50 % angestrebt, bei Gaskraftwerken gelten 65 % als mittelfristig erreichbar. Dabei wird zunehmend Last- und Brennstoffflexibilität zum Entwicklungsziel, da dies entscheidend für das Zusammenwirken in einem von erneuerbaren Energien dominierten System ist.

Während das Umfeld für die Anbieter fossiler Großkraftwerke also schwierig ist, setzt sich die Dezentralisierung der Energieversorgung und damit der Bau kleinerer Einheiten weiter fort. Dies zeigt sich zum einen am global steigenden Bedarf an Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Zum anderen zeichnet sich ein Trend zum Bau von Industriekraftwerken auf Basis von Gasturbinen in Größenordnungen von 20 bis 60 Megawatt (MW) ab. Ferner werden Gasmotorenkraftwerke – auch in Deutschland – zunehmend nachgefragt. Aufgrund ihrer hohen Flexibilität und Umweltverträglichkeit sind diese Anlagen eine gute Ergänzung zu regenerativen Energiequellen.

Im Jahr 2015 sanken die inländischen Bestellungen für Kraftwerke auf den langjährigen Tiefstwert von 600 Mio. €. Die Situation hat sich 2016 zwar leicht verbessert, das Niveau blieb mit 1,0 Mrd. € aber niedrig. Letztlich hat die Energiewende bei der klassischen Stromerzeugung zu einem Strukturbruch geführt, der den nahezu kompletten Wegfall des Kernmarktes nach sich zog. Die Branche konzentriert sich im Inland seitdem vor allem auf die Optimierung bestehender Anlagen, auf Services und auf umwelttechnische Nachrüstungen wie den Einbau von modernen Rauchgasreinigungssystemen.

Dennoch sind vereinzelt auch Investitionen in innovative Neuanlagen zu verzeichnen. So bietet etwa das Kraftwerk Lausward in Düsseldorf eine außerordentlich gute Umweltverträglichkeit sowie sehr hohe Wirkungsgrade und konnte aufgrund einer anspruchsvollen Architektur verträglich in urbane Stadtgebiete eingebunden werden. Dank hoher Effizienz, minimaler CO2-Emissionen und der Produktion von Fernwärme erreicht die Anlage eine Brennstoffausnutzung von bis zu 85 %.

Ob mögliche Bestellungen für neue Gaskraftwerke der Branche nach dem für 2022 vorgesehenen Ausstieg aus der Atomenergie und dem absehbaren Ende der Kohleverstromung neuen Schub verleihen, hängt wesentlich von den dann geltenden energiepolitischen Rahmenbedingungen ab. Angesichts des raschen Ausbaus der erneuerbaren Energien ist allerdings Skepsis angebracht.